Wikipedia: Der Männerverein soll weiblicher werden

Wichtig-Stempel

aboutpixel.de / Rainer Sturm

Freies Wissen für alle, von allen zusammengetragen – das hat sich Wikipedia einst auf die Fahne geschrieben. 2001 startete die Online-Enzyklopädie als Versuch, heute ist sie das umfassendste Nachschlagewerk, das es je gegeben hat, allein die deutsche Version beinhaltet 1,3 Millionen Artikel.

Aber: 91,5 Prozent der Autoren sind Männer.

Sue Gardner, Geschäftsführerin der Wikimedia-Stiftung in San Francisco, möchte das ändern, und es geht ihr nicht um politische Korrektheit, sondern eher um geschichtliche und damit um die Qualität.

„Wikipedia strebt danach, die Gesamtheit allen menschlichen Wissens zu sammeln. Und das können wir nicht, wenn unsere Autorenschaft aus einer kleinen Gruppe von Leuten besteht“, erklärte sie in einem Interview.

Da mag manch einer die Augen verdrehen und der Meinung sein „Ist doch egal, wer es schreibt, Hauptsache, die Fakten stimmen“, aber so einfach ist es nun auch wieder nicht. Wenn nur technikaffine, privilegierte Männer – wie bisher – die „Gesamtheit“ menschlichen Wissens zusammentragen, ergibt das eine ganz andere Sammlung als das Paket, das eine rein weibliche Autorengruppe packen würde. Oder Nichtprivilegierte. Oder auch Menschen mit Behinderungen.

Jeder setzt Prioritäten woanders, und deshalb muss Wikipedia mit ihrem hohen Gesamtheitsanspruch alle Blickwinkel auf die Welt und ihr kollektives Wissen beinhalten, nicht nur die selektive Weltsicht einer bestimmten Gesellschaftsgruppe.

Leider  bedient  Gardners neuer Richtungsansatz viele vorhandene Klischees und erregt damit die Gemüter. Mit einem einfacheren Bearbeitungsproramm wolle man nun mehr Frauen zur Mitarbeit motivieren – da grölt es gleich hämisch durch die Kommentarfunktionen. Dabei käme eine Vereinfachung den vielen – auch männlichen – Menschen ohne Programmierkenntnisse durchaus zugute.

„Ich vermeide Verallgemeinerungen, aber Frauen bevorzugen eine harmonische Umgebung, in der alle freundlich, warm und offenherzig sind“, so  Sue Gardner. „Die Wikipedia-Community ist anders, die Mitarbeiter mögen wirklich Kontroversen und Debatten.“

Noch so eine unglückliche Formulierung. Kontroversen und Debatten mögen Frauen auch, aber nicht selbstherrliches Mauern und ignorante Rechthaberei, die man leider viel zu oft bei der Bearbeitung von Wiki-Artikeln erleben muss. Das erleben übrigens nicht nur Frauen, sondern auch männliche Neulinge so: „Irrelevant“ wird ein neuer Artikelansatz gern abgekanzelt, und man fragt sich dann für wen.

Neu ist das Thema nicht, die Zeitschrift EMMA hat bereits vor einem Jahr auf den Missstand hingewiesen. Sie lieferte eine Anleitung zur Bearbeitung und fragte „Worauf warten die Frauen eigentlich?“

Eine Antwort fand sich im damaligen Artikel dann selbst, indem er – hochinteressant! – von regelrechten Bearbeitungskriegen berichtete.

Kriege waren eben schon immer Männersache.

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